Disclaimer
Ein Hinweis vorab: Bei diesem Artikel handelt es sich um die Preprint-Version des Artikels für die Zeitschrift „Autismus“ des Bundesverbandes Autismus Deutschland e. V. Zusätzlich gibt es weiter unten noch etwas CC-BY-4.0-lizenziertes Material zur Information und Weiterverwendung. Einerseits sind das die Slides und das Handout der Abschlussveranstaltung zum Projekt im SRH Berufsbildungswerk Dresden vom 24. März 2026. Andererseits sind das die im Text erwähnten Autismus-Personas in deutscher und englischer Sprache.
Menschen im Autismus-Spektrum begegnen im Alltag ganz unterschiedlichen Herausforderungen, die für Außenstehende oft kaum sichtbar sind und dennoch zu erheblichen Belastungen führen. Besonders deutlich zeigt sich dieser Effekt in Lebensbereichen von existenzieller Bedeutung, etwa der beruflichen Entwicklung im Erwachsenenalter. Die Beschäftigungssituation ist dabei ein deutlicher Indikator für eine bestehende Schieflage: Belastbare Zahlen sind rar, doch Schätzungen zufolge ist etwa ein Drittel bis die Hälfte der Menschen im Autismus-Spektrum ohne Beschäftigung, und nur ein kleiner Teil – rund 5 bis 10 Prozent – geht einer Tätigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt nach (Bader et al., 2018). Auch in Werkstätten für Menschen mit Behinderungen zeigt sich diese Schieflage, wenn die dortige Tätigkeit deutlich unter der eigentlichen Qualifikation liegt. Die Ursache liegt dabei vordergründig in den Arbeitsbedingungen des allgemeinen Arbeitsmarktes, die den persönlichen Herausforderungen autistischer Menschen häufig nicht gerecht werden.
An dieser Ausgangslage setzt das Forschungsprojekt AutARK der Technischen Universität Dresden an. Der Projektname steht für „Automatische Adaption reizüberfluteter Kontexte“, wobei sich im Projektverlauf zeigte, dass nicht allein Reizüberflutung, sondern auch weitere Themenfelder technologisch adressiert werden konnten. Gefördert wurde das Projekt vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales aus Mitteln des Ausgleichsfonds. Die Laufzeit erstreckte sich von 2023 bis Anfang 2026 (Technische Universität Dresden, 2026).
Grundlegend für das Projekt war ein Mensch-zentrierter Entwicklungsansatz: Ziel war es, Technologien zu entwickeln, die gezielt auf die Herausforderungen autistischer Menschen eingehen und dabei die Individualität des Spektrums angemessen berücksichtigen. Eine zentrale Überlegung war zudem, dass persönliche Unterstützungsangebote, wie Arbeitsassistenz, an begrenzte und kostspielige personelle Kapazitäten gebunden sind. Technische Lösungen hingegen sind flexibler, stärken das Gefühl von Selbstbestimmung und Selbstwirksamkeit und lassen sich bereits während Schule, Ausbildung oder Studium einsetzen und später bestenfalls an den Arbeitsplatz mitnehmen.
Kennzeichnend für den Mensch-zentrierten Ansatz ist außerdem, dass die Zielgruppe während des gesamten Entwicklungsprozesses aktiv eingebunden wurde: nicht über sie sprechen, sondern gemeinsam mit ihr wurden Herausforderungen erfasst und Lösungen entwickelt, etwa durch Interviews und Beobachtungsstudien. Diese Einbindung erhöht sowohl Akzeptanz als auch Treffsicherheit der entstandenen Lösungen.
Im Projektverlauf entstanden zahlreiche Konzepte, die in Studien mit Nutzenden erprobt wurden. Die daraus hervorgegangenen Lösungen lassen sich drei Themenbereichen zuordnen: Kommunikation und soziale Interaktion, Reizwahrnehmung und sensorische Verarbeitung sowie Zeit- und Aufgabenmanagement. Mehr dazu gleich. Besonders erfreulich war die Resonanz auf der Abschlussveranstaltung im SRH Berufsbildungswerk Dresden: Über 120 Teilnehmende aus beruflicher Rehabilitation, Ausbildung und Unternehmen zeigten reges Interesse; für uns als Forschungsteam ein deutliches Signal dafür, die entwickelten Konzepte weiterzuverfolgen und in die Praxis zu überführen.
Der Ausgangspunkt: Zuhören und Verstehen
Berechtigterweise stellt sich die Frage, warum ausgerechnet ein Team aus (Medien-)Informatikerinnen und -informatikern Assistenzsysteme für eine so sensible Zielgruppe entwickeln sollte, ohne selbst von Autismus betroffen zu sein. Hierfür lohnt sich ein Blick auf einen ganz bestimmten Bereich der angewandten Informatik: die Mensch-Computer-Interaktion (MCI). In der MCI haben sich detaillierte und methodisch gründliche Verfahren etabliert, insbesondere mit Blick auf digitale Barrierefreiheit, die sicherstellen, dass nicht der Computer die Art der Interaktion vorgibt, sondern die Bedarfe der Nutzenden bei der Entwicklung von Technologien, die von Menschen genutzt werden sollen, im Mittelpunkt stehen. Dieses Vorgehen wird als partizipatives oder Mensch-zentriertes Design bezeichnet (ISO, 2019). Sein Kernprinzip: Menschen, die von einem System betroffen sind (das sind in erster Linie die Nutzenden selbst), werden aktiv in dessen Entwicklung eingebunden – von der Problemdefinition über die Anforderungserhebung bis zur Überprüfung, wie gut ein System tatsächlich funktioniert und angenommen wird.
Eine besondere Herausforderung im Falle von autistischen Menschen stellte dabei die Diversität der Zielgruppe dar: Da sich Autismus bei jedem Menschen unterschiedlich auswirkt, ist es wenig zielführend, Technologien für einzelne Personen zu entwickeln. Stattdessen musste nach wiederkehrenden Problemklassen gesucht werden, für die sich Lösungen für ein möglichst breites Publikum anbieten.
Eine weitere Herausforderung lag im richtigen Umgang mit der Zielgruppe selbst: Die Bereitschaft von Autistinnen und Autisten, sich am Projekt zu beteiligen, hing stark davon ab, wie sensibel wir als Forschungsteam mit dem Thema umgehen konnten – eine Sensibilität, die wir uns aber gerade erst durch den Austausch mit der Zielgruppe erarbeiten wollten. Diesen Zirkelschluss lösten wir, indem wir zunächst professionelle Expertise einholten, bevor wir den direkten Kontakt zur Zielgruppe intensivierten, etwa durch die enge Zusammenarbeit mit dem SRH Berufsbildungswerk Dresden, mit Fachleuten aus der Heilpädagogik sowie mit der Autismus-Ambulanz des Universitätsklinikums Dresden.
Auf dieser Basis führten wir verschiedene Studien durch: Beobachtungsstudien in den Ausbildungsumgebungen des Berufsbildungswerks, Interviews mit Ausbildenden und Auszubildenden sowie Gespräche mit Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen. Wertvolle Impulse lieferten zudem die Projekte AUT-1A und AUT*CIA des Berufsbildungswerks St. Franziskus Abensberg und der Hochschule München, die unter anderem Unterschiede zwischen männlichem und weiblichem Autismus im Berufskontext untersuchten (Reich & Dalferth, 2023).
Ein besonderer zeitlicher Zufall prägte das Projekt: Die Planungsphase fiel noch in die Zeit vor dem Aufkommen von ChatGPT, doch mit Projektstart stand plötzlich eine Technologie zur Verfügung, die neue Perspektiven auf assistive Systeme eröffnete. Bemerkenswert war dabei, dass nicht nur wir im Projekt mit künstlicher Intelligenz (KI) arbeiteten, sondern auch viele der befragten Autistinnen und Autisten bereits eigenständig KI-Werkzeuge nutzten, um sich im Alltag zu unterstützen. Ein deutliches Signal für den Bedarf an technischer Unterstützung.
Eines ist in diesem Zusammenhang für uns essenziell: Es ging im Projekt nie allein darum, autistischen Menschen zu einer Beschäftigung zu verhelfen. Arbeit ist eng verknüpft mit Selbstverwirklichung, Selbstwirksamkeit, dem Gefühl, gebraucht zu werden, und mit Würde und Unabhängigkeit, also Aspekten, die weit über die wirtschaftliche Perspektive hinausgehen und die Lebensqualität maßgeblich beeinflussen. Daher ist Unterstützung im Arbeitskontext im Verständnis unseres Projekts als Unterstützung für mehr Lebensqualität zu verstehen, und nicht etwa als Förderung der Anpassung autistischer Menschen an ein neurotypisches Umfeld.
Aus der beschriebenen Zuhör-Phase leiteten wir drei zentrale Fragen ab: Welche Herausforderungen sind im Ausbildungs- und Berufsalltag tatsächlich relevant? Welche Wechselwirkungen bestehen zwischen persönlichen Faktoren, Umwelt und Aufgaben? Und welche Anforderungen ergeben sich daraus für technische, soziale und organisatorische Unterstützung?
Methodisch stützten wir uns auf Interviews mit autistischen Menschen mit mehrjähriger Berufserfahrung, Interviews mit neurodivergenten Studierenden der TU Dresden, Hospitationen in bürorelevanten Ausbildungsbereichen des Berufsbildungswerks sowie mehrere Praktikumsplätze für Auszubildende – eine besonders wertvolle Erfahrung, die uns die Zusammenarbeit im Team hautnah erleben ließ. Ergänzt wurde dies durch den regelmäßigen Austausch mit unserem Projektbeirat, in dem auch der Autismus Deutschland e. V. eine wichtige Rolle spielte.
Im Ergebnis entstand ein Katalog mit über 90 konkreten Herausforderungen, aus dem sich drei zentrale Problembereiche herauskristallisierten, wie zu Beginn schon erwähnt, also Kommunikation und soziale Interaktion, Reizwahrnehmung und -verarbeitung sowie Zeit- und Aufgabenmanagement – plus zusätzliche übergeordnete Einflussfaktoren wie Stresstoleranz, Routinebedürfnis, Konzentrationsfähigkeit, Motivation und soziale Akzeptanz im Umfeld. Ein zentrales Werkzeug für die weitere Arbeit waren zudem fünf Personas, die im Laufe der intensiven Auseinandersetzung entstanden sind: keine stereotype Einzelbeschreibung, wie für Personas eigentlich üblich, sondern ein zusammenhängender Satz unterschiedlicher Profile, der die Vielfalt autistischer Lebensrealitäten würdigt und gleichzeitig als gemeinsame Grundlage für die Entwicklung diente (Engel et al., 2025).

Kommunikation und soziale Interaktion
Eine aufschlussreiche Erfahrung aus der Anforderungsanalyse war, dass die direkte Frage nach besonders belastenden Alltagsherausforderungen häufig zu widersprüchlichen oder wenig konkreten Antworten führte. Viele autistische Menschen konnten auf die direkte Frage hin keine klaren Probleme benennen, beschrieben aber ein diffuses Gefühl von Schwierigkeiten im Alltag. Erst in vertiefenden Interviews zeigte sich, dass diese Schwierigkeiten meist im Zusammenspiel mehrerer Bereiche entstehen – insbesondere aus Kommunikation und zwischenmenschlichem Umgang, äußeren Reizen sowie der eigenen Organisation von Routinen und Prioritäten.
Ein zentrales Handlungsfeld ist dabei die soziale Interaktion: der Umgang mit Kolleginnen und Kollegen, Vorgesetzten oder Kundschaft. Dabei spielt sowohl die Art der Kommunikation eine Rolle, etwa im Einzelgespräch, in Gruppensituationen wie Meetings oder als Vortrag vor Publikum, als auch das jeweilige Setting: persönliche Gespräche vor Ort unterscheiden sich deutlich von Videokonferenzen, Telefonaten oder schriftlicher Kommunikation per E-Mail und Chat. Jede dieser Konstellationen bringt eigene Herausforderungen mit sich, etwa hinsichtlich nonverbaler Signale, Tonfall oder möglicher Störfaktoren. Erschwerend kommt hinzu, dass die verschiedenen Settings unterschiedlich viel Raum für Rückzug bei Überforderung bieten und dieser Rückzug nicht in jedem sozialen Kontext akzeptiert wird. Häufig fehlt zudem das notwendige Verständnis im Kollegium.
Konkret äußern sich die Herausforderungen etwa in Missverständnissen durch indirekte oder implizite Kommunikation, in nicht erkannten nonverbalen Signalen, in Überforderung durch spontane statt vorbereitbare Gesprächssituationen sowie in Erwartungsdruck bezüglich Blickkontakt oder Small Talk. Ein weitverbreitetes Phänomen ist zudem das sogenannte Masking, die kurzfristige Anpassung an neurotypische Verhaltensnormen, die langfristig zu Erschöpfung führen kann und deshalb häufig Ursache für Rückzug oder Jobwechsel ist (Alaghband-rad et al., 2023).
Im Projekt entwickelten wir Lösungsansätze sowohl für die schriftliche als auch für die persönliche Kommunikation. Im Fokus der schriftlichen Kommunikation stand die E-Mail, da über sie im Büroalltag besonders häufig Aufgaben und Verantwortlichkeiten verteilt werden und wachsende E-Mail-Verläufe zusätzliche Komplexität erzeugen können. Die entwickelten Konzepte lassen sich hingegen grundsätzlich auch auf andere Kanäle wie Chat übertragen. E-Mails werden gegenüber Telefonaten häufig bevorzugt, enthalten jedoch oft implizite Erwartungen, Ironie oder Metaphern und erschweren zudem das Priorisieren und Erfassen von Gesamtzusammenhängen. Insbesondere hier können potenziell KI-Systeme, speziell auf Basis großer Sprachmodelle, sinnvolle Unterstützung bieten – vorausgesetzt, sie werden datenschutzkonform in einem unternehmerischen Kontext eingesetzt.
E-Mail-Arbeit unterstützen mit datenschutzkonformer KI. Das im Projekt entwickelte System, der EmailAnalyzer (Gollasch et al., 2025), analysiert eingehende E-Mails in drei Ansichten. Die erste Ansicht extrahiert enthaltene Aufgaben und Fristen und stellt sie in einer übersichtlichen, hierarchischen Liste dar. Die zweite Ansicht identifiziert und erklärt sprachliche Stilmittel wie Metaphern oder Ironie – bewusst mit direktem Verweis auf die Originaltextstelle, sodass sich mögliche KI-Fehler kritisch überprüfen lassen. Die dritte Ansicht unterstützt beim Formulieren von Antworten: Viele autistische Arbeitnehmende greifen für Standardsituationen auf vorbereitete E-Mail-Vorlagen zurück, was zwar praktisch, aber wenig flexibel ist. Das System unterstützt daher beim Finden eines roten Fadens und einer vollständigen, gut strukturierten Antwort, ohne dabei inhaltlich eine bestimmte Richtung vorzugeben, wohl aber strukturell zu unterstützen.
Standardmäßig arbeitet das System mit einem lokal ausgeführten KI-Modell und ist damit unabhängig von externen Anbietern, wodurch keine sensiblen Daten über das Internet versendet werden müssen. Lokale KI-Modelle sind jedoch – jedenfalls aktuell noch – in ihrer Ausgabequalität teils eingeschränkt, sodass in manchen Fällen die Einbindung externer, vom Unternehmen freigegebener KI-Systeme sinnvoll sein kann. Zudem verfügt nicht jeder Büroarbeitsplatz über ausreichend Rechenleistung für lokale Modelle, was sich jedoch in den kommenden Jahren voraussichtlich relativieren dürfte.
Augmentieren von Unterstützung in Gesprächssituationen. Für die persönliche, mündliche Kommunikation entwickelten wir ein Konzept, das auf denselben Analyseansätzen aufbaut, jedoch zusätzlich in Echtzeit funktionieren muss: Eine Unterstützung während eines Gesprächs ist nur dann hilfreich, wenn sie unmittelbar und unaufdringlich erfolgt. Hierzu experimentierten wir mit Brillen für augmentierte sowie virtuelle Realität (AR/VR), die zusätzliche Informationen zur Gesprächssituation einblenden können, etwa zur Identifikation von Personen oder zum Gesprächskontext. Aktuelle AR- und VR-Brillen sind in der praktischen Anwendung noch eingeschränkt und wenig komfortabel, doch neue, unauffällige Brillen mit integrierten Kameras, Mikrofonen und Lautsprechern, wie die Meta AI Glasses, zeigen bereits, dass sich Umgebungsinformationen künftig deutlich alltagstauglicher erfassen und übermitteln lassen als bislang. Auch die Übertragung über Smartwatches ist hier denkbar.
Reizwahrnehmung und sensorische Verarbeitung
Neben der Kommunikation ist es speziell die Wahrnehmung der Umgebung, die den Arbeitsalltag vieler Autistinnen und Autisten prägt. Reizwahrnehmung und sensorische Verarbeitung bilden ein besonders komplexes und breites Themenfeld innerhalb der Herausforderungen autistischer Menschen. Das liegt primär daran, dass praktisch alle Sinne betroffen sein können: visuelle Reize wie Helligkeit oder schnelle Bewegungen, auditive Reize wie Hintergrundgespräche, laute oder besonders leise, schwer identifizierbare Geräusche, aber auch olfaktorische Reize wie bestimmte Gerüche. Auch Faktoren wie die Anwesenheit vieler Menschen in unmittelbarer Umgebung können Auslöser für herausfordernde Situationen sein. Die Vielfalt möglicher Reize und ihrer Kombinationen ist enorm (American Psychiatric Association, 2013; Ríos Llamas et al., 2026).
Eine Überlastung entsteht dabei häufig dann, wenn ein bestimmter Reiz in einem spezifischen Kontext so viel Aufmerksamkeit bindet, dass eine Konzentration auf die eigentliche Aufgabe kaum mehr möglich ist. Reize werden so zu Ablenkungsquellen, die nicht nur die Arbeitsleistung mindern, sondern auch handfesten Stress verursachen können, oder gar noch massivere Auswirkungen haben. Oft ist es dabei nicht ein einzelner Reiz, sondern das Zusammenwirken mehrerer Reize sowie zusätzlicher Kontextfaktoren, das zur Überlastung führt. Nicht zuletzt spielt auch die individuelle Tagesform eine Rolle, wie empfindlich jemand auf bestimmte Reize reagiert.
Diese große Variabilität stellt auch die Entwicklung technischer Lösungen vor Herausforderungen: Eine einzelne Lösung, die das gesamte Spektrum abdeckt, ist kaum realistisch. Ein sinnvoller Ansatz besteht daher darin, an bereits etablierten und niedrigschwellig einsetzbaren Geräten anzusetzen – etwa geräuschreduzierenden Kopfhörern, die im Berufsalltag zur Abschirmung vor auditiven Reizen schon verbreitet sind. Ihr Nachteil: Die auditive Abschottung erschwert zugleich die im Arbeitsalltag notwendige Kommunikation mit Kolleginnen und Kollegen sowie Vorgesetzten, was die Akzeptanz solcher Kopfhörer im Büroalltag einschränkt.
Büro-kompatible Geräuschunterdrückung. Hier setzt das im Projekt entwickelte System der SmartHeadphones an (Schmalfuß-Schwarz et al., 2024b, 2024a): Es funktioniert ähnlich wie Sprachassistenten im privaten Umfeld, die auf eine bestimmte Aktivierungsphrase reagieren. Während im Normalfall eine auditive Abschottung gewährleistet ist, ermöglicht das System bei Bedarf gezielt eine soziale Interaktion. Es geht letztlich um einen Ausgleich zwischen Reizreduktion einerseits und der Fähigkeit zur Ausführung beruflicher Tätigkeiten – inklusive notwendiger Kommunikation – andererseits.
Ein zentraler Bestandteil ist dabei die Möglichkeit, individuell festzulegen, wann eine Interaktion eingeleitet werden soll. Anders als bei den meist festen Aktivierungsphrasen kommerzieller Sprachassistenten ist die Aktivierungsphrase bei den SmartHeadphones frei anpassbar – etwa der eigene Name. Wird dieser genannt, schalten die Kopfhörer automatisch in einen Transparenzmodus, oder die nutzende Person erhält eine Benachrichtigung und kann selbst entscheiden, ob die Interaktion in diesem Moment erwünscht ist oder nicht.
Ergänzend haben wir ein Konzept integriert, mit dem Nutzende nach außen signalisieren können, ob aktuell Gesprächsbereitschaft besteht – ein sogenannter Busy-Monitor in Anlehnung an Busy-Light-Systeme, wie sie einzeln oder als Bestandteil von Telefonie-Headsets verfügbar sind. Dieses Signal richtet sich vordergründig an Kolleginnen und Kollegen und trägt dazu bei, dass soziale Interaktion nicht ungefragt erfolgt, sondern bewusst initiiert werden kann.
Potenziell belastende Umgebungssituationen frühzeitig erkennen. Ein weiterer wichtiger Aspekt der Reizwahrnehmung ist das frühzeitige Erkennen potenziell belastender Situationen. Umgebungsvariablen wie Temperatur, Helligkeit, Luftdruck oder Lautstärke können maßgeblich beeinflussen, wie Reize wahrgenommen werden. Hier setzt das im Projekt entwickelte System ELVI (Environmental Level Visualization Interface) an: Es funktioniert wie eine Art Frühwarnsystem, das relevante Umgebungsvariablen erfasst und frühzeitig auf mögliche Überlastungssituationen hinweist. So können Betroffene bereits vorsorglich reagieren, statt erst mit einer schon eingetretenen Überlastung umgehen zu müssen.
Da die individuellen Herausforderungen und Reizprofile sehr unterschiedlich ausfallen, lautet die zentrale Erkenntnis dieses Themenbereichs: Kontextsensitive und adaptive Technik ist notwendig, um Reizbelastung gezielt zu reduzieren und steuerbar zu machen, ohne dabei die Selbstbestimmung der Nutzenden einzuschränken. Unterstützung ohne Bevormundung ist dabei der entscheidende Maßstab (Jameson, 2008; Shakespeare & Watson, 2001).

Zeit- und Aufgabenmanagement
Dasselbe Prinzip, also Unterstützung, die Freiraum lässt statt vorzuschreiben, gilt auch für den dritten großen Themenbereich: die Organisation von Zeit und Aufgaben. Die dritte zentrale Dimension, in der Menschen im Autismus-Spektrum berufliche Herausforderungen erleben, betrifft die Ausführung von Arbeitsaufgaben selbst. Etwa konkret die Frage, wie persönliche Ressourcen eingesetzt werden, um Aufgaben termingerecht und in angemessener Qualität zu erledigen. Eine wichtige Rolle spielt dabei, wie routiniert, planbar und komplex Aufgaben sind und wie viel Flexibilität sie von den Mitarbeitenden verlangen. Unter Flexibilitätsbedarf verstehen wir die Eigenschaft von Aufgaben, sich dynamisch in Priorität und Charakter zu verändern, im Gegensatz zu stark routinierten, gut planbaren Tätigkeiten mit geringer Komplexität. Welche konkreten Aufgaben in einem Beruf anfallen, hängt naturgemäß vom jeweiligen Fachgebiet ab und liegt außerhalb des Einflussbereichs technischer Assistenzsysteme. Entscheidend für unser Projekt war vielmehr die Frage, wie autistische Menschen ihre persönlichen Ressourcen allokieren, Aufgaben priorisieren und zeitlich einordnen.
Eine häufig beschriebene Herausforderung ist die sogenannte Zeitblindheit, also die Schwierigkeit, Zeitdauern realistisch einzuschätzen und Aufgaben entsprechend zur verfügbaren Zeit zu priorisieren (Jurek et al., 2019). Hinzu kommt häufig eine starke Abhängigkeit von Routinen und visuellen Strukturen. Auch die Motivation, Aufgaben auszuführen, ist bei autistischen Menschen teilweise anders ausgeprägt als bei neurotypischen Personen. Ein weiteres Risiko stellt der sogenannte Hyperfokus dar: ein Zustand besonders starker Konzentration, der zwar besonders effektives Arbeiten ermöglicht, jedoch bis zur Vernachlässigung von Grundbedürfnissen wie Pausen zur Regeneration oder gar Nahrungsaufnahme und letztlich zu Überarbeitung führen kann. Schließlich stellt auch die Aufgabenkomplexität eine Hürde dar: Komplexe Aufgaben in machbare Teilschritte zu zerlegen, kann autistischen Menschen schwerfallen. Gleichzeitig ist das eine Fähigkeit, die im Arbeitsalltag zumeist unabdingbar ist, um etwa Aufgaben an sinnvollen Stellen zu unterbrechen und den Arbeitstag geordnet abzuschließen.
Individualisierte Versionen etablierter Zeitmanagement-Techniken als Ausgangspunkt. Zur Entwicklung von Lösungen griffen wir zunächst auf klassische Konzepte aus Zeit- und Projektmanagement zurück. Die eigentliche Schwierigkeit liegt jedoch darin, die jeweils passende Methode auszuwählen und individuell anzupassen. So kann eine Struktur entstehen, die tatsächlich Sicherheit vermittelt und den Umgang mit erhöhtem Flexibilitätsbedarf erleichtert. Im Projekt entwickelten wir daher ein System, das verschiedene etablierte Planungstechniken – etwa die Pomodoro-Technik, Timeboxing, die Eisenhower-Matrix, Getting Things Done oder Kanban – modular kombiniert und individuell anpassbar macht.
Spiraloptik statt Tabellen zur Zeitwahrnehmung. Ergänzend entwickelten wir ein Werkzeug, das eine gänzlich andere Art der Zeitwahrnehmung ermöglicht. Während die meisten von uns Termine tabellarisch darstellen – etwa in einem klassischen Kalender oder in digitalen Tools wie Outlook, mit einer Spalte pro Tag – haben wir ein Konzept umgesetzt, das an bestehende Kalender andockt und Zeit stattdessen radial darstellt, ähnlich einer Uhr. Diese Darstellungsform erinnert neben Uhren auch an den Time-Timer, der unter anderem im therapeutischen Kontext eingesetzt wird (Grey et al., 2009; Hallez & Vallier, 2025). Konkret ordnet sich die Darstellung wie eine archimedische Spirale an: Zeit verläuft von innen nach außen in einer schneckenförmigen Struktur. Diese Darstellung mag zunächst gewöhnungsbedürftig wirken, ermöglicht aber eine andere, oft intuitivere Art, verstreichende und verfügbare Zeit zu erfassen, wiederkehrende Muster im Alltag zu erkennen und bewusst Freiräume wie regelmäßige Pausen einzuplanen (Dragicevic & Huot, o. J.).
Wortwörtlich begreifbare Interaktion. Dieses System, im Projekt AgendaHub genannt, kombinierten wir zusätzlich mit einem taktilen Gerät, dem sogenannten AutiPuck. Dabei handelt es sich um ein Gerät, das wie ein kleines Objekt in der Hand gehalten oder auf dem Tisch platziert werden kann, um beispielsweise zu signalisieren, in welcher Arbeitsphase man sich gerade befindet – zum Beispiel in konzentrierter Einzelarbeit, im Meeting oder in einer Pause. Gleichzeitig verfügt der AutiPuck über einen kleinen Bildschirm, auf dem Benachrichtigungen und anstehende Termine angezeigt werden. So entsteht ein Zusammenspiel mehrerer Geräte zur Zeitdarstellung, Aufgabenplanung und Anbindung an bestehende digitale Systeme wie das häufig im Arbeitskontext vertretene Microsoft Outlook.
Ein Aspekt, der uns im gesamten Projektverlauf besonders wichtig war: Die entwickelten Systeme sind nicht ausschließlich für Menschen im Autismus-Spektrum gedacht, sondern bieten auch neurotypischen Mitarbeitenden einen Mehrwert. Dadurch stehen die Werkzeuge grundsätzlich dem gesamten Team zur Verfügung, was die Akzeptanz innerhalb der Belegschaft erhöht und die Systeme von einem möglicherweise stigmatisierenden Charakter befreit.

Über die Prototypen hinaus: Sensibilisierung und Beratung
Selbstverständlich können technische Systeme niemals alleinige Unterstützung im Alltag sein, sondern nur einen Baustein hierfür darstellen. Zudem brachte die intensive Auseinandersetzung mit Autismus im Kontext von Berufsausbildung und Berufsausübung im Projektverlauf Erkenntnisse hervor, die weit über die Entwicklung konkreter Assistenzsysteme hinausgehen. So erwiesen sich die entwickelten Personas nicht nur als Grundlage für die Technikentwicklung, sondern auch als wertvolles Kommunikationswerkzeug im Beratungskontext – etwa um allgemein für die Herausforderungen autistischer Menschen zu sensibilisieren. Gerade diese undogmatische, nichtmedizinische Herangehensweise wurde von unserem Projektbeirat besonders hervorgehoben und als wichtiges Ergebnis gewürdigt.
Übersetzung von individuellen Bedarfen zu Arbeitsplatzanforderungen. Daraus entstand die Idee für ein eigenständiges Beratungswerkzeug, den Workplace Compass: ein dynamischer, interaktiver Fragebogen, der individuelle Herausforderungen und Wünsche im Arbeitskontext erfasst und daraus konkrete Empfehlungen für eine passende Arbeitsplatzgestaltung ableitet. Das Werkzeug lässt sich auf mehrere Arten nutzen: Ein Arbeitnehmer aus dem Autismus-Spektrum kann den Fragebogen ausfüllen und die daraus resultierenden Empfehlungen an den Arbeitgeber weitergeben, der die Arbeitsumgebung entsprechend anpassen kann. Gleichzeitig eignet sich das Tool auch für die Berufsberatung und Arbeitsvermittlung, um passende Beschäftigungsmöglichkeiten gezielter zu identifizieren. Denn häufig fällt es schwer, die eigenen Bedürfnisse an einen idealen Arbeitsplatz klar zu benennen. Hier schafft der Workplace Compass die nötige Transparenz und erleichtert die Kommunikation.
Mit diesem Werkzeug gingen wir bewusst über reine Assistenztechnologien hinaus und betrachteten auch angrenzende Einflussfaktoren. So rückte neben der eigentlichen Arbeitsumgebung auch der Weg dorthin in den Fokus – also Berufsausbildung und Studium. Der Vorteil aller im Projekt entwickelter Systeme und vergleichbarer Technologien liegt darin, dass sie bereits in der Qualifikationsphase eingeführt und später an den tatsächlichen Arbeitsplatz mitgenommen werden können. Damit entsteht eine Unterstützungsebene, die bislang kaum adressiert wurde: Viele bestehende Angebote setzen vorwiegend auf Coaching oder Training im Umgang mit herausfordernden Situationen, befreien Betroffene jedoch nicht davon, diesen Herausforderungen im Alltag weiterhin unmittelbar ausgesetzt zu sein. Die im Projekt entwickelten Technologien schaffen an dieser Stelle einen zusätzlichen Mehrwert, indem sie neben persönlichem Coaching auch unmittelbare, praktische Unterstützung bieten, die entlastend wirken kann.
Entscheidend war dabei stets, keine Bevormundung durch Technologie zu schaffen, sondern größtmögliche Freiheit und Flexibilität zu bewahren. Die entwickelten Systeme sind nicht an eine verpflichtende Nutzung gebunden, sondern stehen den Betroffenen ganz nach individuellem Bedarf zur Verfügung.
Fazit und Ausblick
Ein besonderer Vorzug der entwickelten Technologien ist, dass sie ohne wirtschaftliche Eigeninteressen entstanden und vollständig frei zugänglich als Open Source veröffentlicht wurden. Die Systeme befinden sich naturgemäß auf unterschiedlichen Reifegraden und liegen bislang als Prototypen vor, was für Forschungsprojekte üblich ist. Das ermöglicht es nun Dritten, die Ergebnisse niedrigschwellig aufzugreifen, weiterzuentwickeln und in bestehende Systeme zu integrieren. Das Beratungswerkzeug Workplace Compass sowie die entwickelten Personas stehen bereits heute uneingeschränkt zur Verfügung.
Insgesamt verlief das Forschungsprojekt äußerst erfolgreich: In gut drei Jahren Laufzeit wurden 28 Studien mit insgesamt 167 Teilnehmenden durchgeführt – sowohl mit autistischen Personen selbst als auch mit Fachexpertinnen und -experten aus dem professionellen Umfeld (Technische Universität Dresden, 2026). Auch innerhalb der Wissenschaftscommunity war der Einfluss spürbar: Auf drei internationalen wissenschaftlichen MCI-Fachtagungen boten wir Workshops zum Thema Neurodivergenz und Autismus an. Bemerkenswert war dabei eine Entwicklung über die Projektlaufzeit hinweg: Während im ersten Workshop 2023 der Fokus vieler Teilnehmenden noch stärker auf Kindern und dem Thema ADHS lag, brachten sich im letzten Workshop Ende 2025 bereits selbst betroffene autistische Forschende aktiv ein und rückten Autismus im Erwachsenenalter in den Mittelpunkt – ein deutliches Zeichen für gewachsenes Bewusstsein innerhalb von drei Jahren.
Auch die abschließende Veranstaltung im SRH Berufsbildungswerk Dresden bestätigte die hohe Relevanz des Themas: Über 120 Menschen aus der beruflichen Rehabilitation und Ausbildung nahmen teil und konnten die entwickelten Prototypen live erleben, mit spürbarer Begeisterung.
Das Projekt hat zudem auf vielen Ebenen zur Sensibilisierung beigetragen: durch geschaffene Praktikumsplätze, durch die enge Zusammenarbeit mit Selbstvertretungsorganisationen wie dem Autismus Deutschland e. V., dessen Mitwirkung im Projektbeirat wertvollen Input lieferte, sowie durch die aktive Beteiligung autistischer Menschen selbst. Themen wie Neurodiversität und KI-gestützte Unterstützung bleiben dabei hochrelevant – so lieferte auch der Austausch im Rahmen des EUCAP-AIRA-Projekts, das sich gezielt mit KI und Autismus befasst, wichtige Impulse für zukünftige Potenziale und einen Überblick laufender Aktivitäten über die Grenzen Deutschlands hinweg (AIRA Artificial Intelligence and the Rights of Autistic people, 2025).
Wichtig ist uns, deutlich hervorzuheben, wie bedeutsam der enge Austausch mit Verbänden wie Autismus Deutschland e. V. für die Weiterentwicklung solcher Technologien ist. Denn ein wesentlicher Erfolgsfaktor Mensch-zentrierten Designs liegt darin, den Begriff wörtlich zu nehmen: die richtigen Menschen an der richtigen Stelle zusammenzubringen, in den Fokus zu setzen, zu vernetzen und gemeinsam an hilfreichen Lösungen zu arbeiten.
Literatur
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